Probstmord

Ä m i l i a n  v o n  R i e d h e i m, 1658 in Schwaben geboren, war seit 1688 Probst in Blankenau. Von seiner Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit müssen seine Zeitgenossen ihren Kindern und Enkeln und diese wieder ihren Enkeln vieles erzählt haben; denn sein Andenken war noch vor einem Menschenalter im Volke zu Blankenau lebendig und gesegnet. Die Wohltätigkeit Riedheims äusserte sich nicht bloss in Stillung der augenblicklichen Not durch Spendung eines Almosens; vielmehr war sie eine Wirksame und Nachhaltige, in dem er armen Knaben die Mittel zur Erlernung eines Handwerks gewährte und sie dadurch in den Stand setzte, sich selbst und demnächst auch eine Familie ehrlich in der Welt zu ernähren. Zu den von ihm Unterstützten gehörte auch Kaspar Kissel aus Blankenau, den er das Schmiedehandwerk hatte erlernen lassen. Doch nicht immer erweisen sich die Menschen der empfangenen Wohltaten würdig, und nur zu oft ist schnöder Undank der Welten Lohn. Kaspar war ein arbeitsscheuer und dabei geldgieriger Mensch, der nicht durch Fleiss und Sparsamkeit, sondern auf leichtere Weise, wie er meinte, zu Geld und Vermögen kommen wollte. Kein Wunder, dass sich an ihm das Wort des Apostels Paulus erfüllte: "Die reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstricke des Teufels und viele schäbige Begierde, welche die Menschen in Untergang und Verderben stürzen."

Es ist eine bekannte Sache, dass die Menschen bei den Geistlichen Kisten und Kästen voll mit Geld vermuten. Dieser Ansicht war auch Kaspar Kissel bezüglich seines geistlichen Wohltäters und fasste im Verein mit seinem Bruder Heinrich Kissel, der in Fulda bei den Soldaten stand, und Hermann Baier  von Blankenau, den Entschluss, den Probst zu ermorden, um in den Besitz seines Geldes zu kommen. Zu diesem Ende lieferte Heinrich Kissel ein dolchartiges, scharfes Messer und die Ausführung des Mordplanes wurde auf den 18. Januar 1699, welcher ein Sonntag war, festgesetzt. Am Nachmittag dieses Sonntags machte sich der Soldat wirklich auf den Weg, um sich der Verabredung gemäß in Blankenau einzufinden, aber auf der langen Brücke bei Fulda begegnete ihm ein Offizier, der ihn fragte, wohin er wolle, und ihn, weil er keinen Urlaub hatte, sofort in Arrest schickte. Nachdem Kaspar Kissel und Hermann Baier lange und vergebens auf die Ankunft ihres Mitverschworenen gewartet hatten, entschlossen sie sich, die Tat alleine zu vollbringen.

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Sie drangen in der Nacht von der hinteren Seite, wo es unbemerkt geschehen konnte, weil dort keine Häuser standen, in das Probsteigebäude und schlichen sich in die Nähe des in einem Alkoven befindlichen Bettes, in welchem der Probst schlief. Dieser war trotz ihres leisen Eintretens erwacht und rief: "Was gibt es?", aber ohne zu antworten, zog Hermann Baier den Vorhang vom Bett zurück und Kasper Kissel erdolchte den Probst durch mehrere Stiche. Die Tat war vollbracht; aber die Erwartung der Mörder wurde enttäuscht. Geld fanden sie nicht, und so entfernten sie sich heimlich, wie sie gekommen waren, nichts mitnehmend, als ein schuldbeladenes Gewissen, und hoffend, dass sie unentdeckt bleiben würden, da kein Mensch sie gesehen hatte. Doch was der Dichter den Mördern des hl. Menrad zuruft:

"Zittert heimliche Verbrecher!
Gott ist böser Taten Rächer
und bringt Alles einst ans Licht!"

Das bewahrheitete sich auch an den Mördern des Probstes. Und es bedurfte weder des Späherblickes eines Gendarmen, noch der Gewandtheit in Stellung des Garnes von Seiten eines Kriminalisten, um die Missetäter zu ermitteln und zu überführen. Die göttliche Gerechtigkeit hat ihre eigenen Organe, wenn sie schon hienieden die böse Tat an das Licht und den Bösewicht zur Strafe ziehen will. Diesmal bediente sie sich zu ihrem Zwecke eines Kindes.

Als die Kunde von der schwarzen Tat sich verbreitete, eilten die Bewohner von Blankenau und der Umgebung sogleich zum Todeslager des Probstes. Auch das Gerichtspersonal fand sich ein, um den Tatbestand festzustellen und die Untersuchung zu beginnen. Niemand konnte über den Mörder Auskunft geben, am allerwenigsten aber vermutete jemand, dass Kissels verruchte Hand das Herz seines Wohltäters durchbohrt habe. Doch unter der Menge des herbeigeeilten Volkes steht eine Mutter, Kissels Schwester, mit ihrem vierjährigen Töchterchen. Plötzlich ruft dieses aus: "Mutter, seht einmal! Da stehen ja die Schuhe des Vetters Kaspar!" Mit diesem Worte des Kindes fiel der Vorhang, der das Verbrechen verhüllte, vor aller Augen nieder. Der Mörder war- das stand nun fest - nach Ausziehung seiner Schuhe an das Bett des Probstes geschlichen; sein böses Gewissen hatte ihn nach vollbrachter Tat in der Dunkelheit dieselben nicht wiederfinden lassen, und beim Weggehen hatte er statt der seinigen die Schuhe des Probstes mitgenommen. Letztere wurden bei Kaspar Kissel gefunden und die ganze Versammlung des Volkes, gleichsam ein großartiges Schwurgericht, sprach einstimmig über ihn das "Schuldig". Kissel gestand nun alles, erzählte den Hergang der Sache und gab seine Mitschuldigen an. Auch Hermann Baier und der Soldat im Arrest zu Fulda legten ein Geständnis ab.

Für den Soldaten lautete das Urteil, nachdem er als infam aus dem Regiment ausgestossen worden war, auf Tod durch das Schwert, für Kaspar Kissel und Hermann Baier auf Tod durch das Rad. Das Erstere wurde zu Fulda auf dem Hochgerichte, das Letztere zu Blankenau auf einem jetzt mit Tannen bepflanzten, zwischen dem Gottesacker und dem Struthwäldchen gelegenen Platze vollzogen.

In der Pfarrkirche zu Blankenau neben dem Hochaltar befindet sich ein steinernes Epitaphium des Probstes, welches sein Nachfolger, Bernard von Reinach, hat errichten lassen und auf welchem die Mordszene dargestellt und der Vorfall zum immer währenden Gedächtnisse eingegraben ist.