Probstei

 

Für die Pröpste, darunter namhafte Persönlichkeiten der Fuldaer Kirche, wurden im 17. und 18. Jahrhundert die heute noch erhaltenen Propsteigebäude errichtet. Das Hauptgebäude wurde nach den von dem Franziskanerarchiteketen Antonius Peyer erstellten Plänen gebaut. Die Ähnlichkeit mit dem Gebäude der Domdechanei in Fulda ist unverkennbar, deren Pläne auch von Peyer stammten.  Ende der 70er Jahre wurde das Hauptgebäude komplett renoviert. Ziel der gesamten Bauarbeiten war, die Wiederherstellung des zweigeschossigen Gebäudes in seinen Original Zustand. Deshalb erfolgte zwar beim Wiederaufbau des Inneren eine Anpassung an die modernen Wohnbedürfnisse, von einer Umgestaltung wurde aber weitgehend abgesehen. Die erhaltenen Stuckreliefs die Barocktüren sowie zwei alte Kachelöfen wurden vor dem Abbruch der Gesamt Inneren Propstei demontiert und nach der Komplettrenovierung wieder aufgebaut. Ganz besonderen Wert wurde übrigens bei der Farbgestaltung des Gebäudes gelegt.  Die Außenfarben für die Barockgebäude, ganz Typisch im Fuldaer Raum, Gelb- und Rottöne. Die rote Farbe wird übrigens von der Herstellerfirma als Fuldarot bezeichnet und verkauft.

 
 

 
Blankenau wird um 1600 in eine fuldische Propstei umgewandelt, und die Geschichte seiner Pröpste ist vor allem in der baulichen Gestaltung und Ausschmückung der Propsteikirche abzulesen. Schon seit 1420 waren den Frauenklöstern des Fuldaer Hoheitsgebietes durch Fürstabt Johann von Merlau “praepositi”- Pröpste für die Verwaltung weltlicher Angelegenheiten beigegeben. So verblieb nach der Auflösung des Klosters auch in Blankenau ein Propst, um die Seelsorge und die ausgedehnten Besitzungen zu verwalten. Da Fulda sich zum Adelskloster entwickelt hatte, waren die Inhaber seiner zahlreichen Propsteien immer Angehörige des Adels, hatten Sitz und Stimme im Stiftskapitel, und das alleinige Recht der Abtswahl. Papst Clemens 12. zeichnete 1731 die Fuldaer Pröpste durch Verleihung des goldenen Brustkreuzes und der Mitra aus. Fünf der Pröpste Blankenaus bestiegen den fürstäbtlichen Thron in Fulda, zwei haben die bischöfliche Würde erlangt. Der Wiederaufbau des Gotteshauses, zumal in den notvollen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, ist ein Ruhmesblatt dieser Männer und ihrer Untertanen. Im Jahre 1569 wurde, wie die Jahreszahl unter einem der Turmfenster ausweist, der achtseitige Vierungsturm mit Spitzhelm vollendet. Johann Friedrich von Schwalbach (1601-1606) und besonders Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg (1613-1623) zeichnen für den jetzigen Bau in spätgotischen Formen. Der Taufstein, im südlichen Seitenschiff mit achtseitigem Fuß und schlankem Becken, trägt das Wappen des Herrn von Schwalbach mit Jahreszahl 1609 und Steinmetzzeichen. Das Wappen des Schenk zu Schweinsberg mit Jahreszahl 1614 krönt den Vierungsbogen des südlichen Querarmes. Er erbaute und dotierte neu das alte Hospiz des Klosters und errichtete ihm die kleine Kapelle zu Ehren der heiligen Elisabeth (heute Altenheim und Schwesternstation). Bis zum Jahre 1734 wurden die in Blankenau verstorbenen Pröpste auch in der Propsteikirche bestattet. Ihre Grüfte wurden im Verlauf der Renovierung aufgedeckt, die Toten recognosciert.

 

Zwei der Bestatteten nahmen nach Ausweis unseres Totenbuches ein tragisches Ende. Bernhard Hermann von Nordeck (1635-1645) wurde auf der Jagd durch einen unglücklichen Gewehrschuß getötet. Sein Grab, noch in Bruchstein gemauert, liegt in der Mitte der Kirche, ebenso das Grab seines Nachfolgers Philipp Christoph von Rosenbach (1645-1681). Propst Ämilian von Riedheim (1688-1699) wurde in der Nacht vom 18. zum 19. Januar das Opfer eines gemeinen Raubmordes. Sein Grabmal (rechts des Hochaltares) berichtet: Im Jahre des Heiles 1699, am 18. Januar, wurde der sehr fromme und hochedle Herr Ämilian von Riedheim, Kapitular der Fuldaer Stiftskirche und Propst zu Blankenau, nachts im Schlafe in grausamster Weise ermordet. Die unten benannten Mörder, Caspar Kyßel und Hermann Beyr, stachen ihm den Dolch durch Herz und Leib. Er starb im 41. Jahr seines Lebens, im 21. seiner Profess, im 16. seines Priestertums. Seine Seele ruhe in heiligem Frieden. Casper Kyßel war der Blankenauer Schmied, Hermann Beyr Obrist im fürstäbtlichen Heer zu Fulda. Die Mörder wurden nach Ausweis unseres Totenbuches am 7. März 1700 in Blankenau hingerichtet. Ämilian von Riedheim stiftete Hochaltar und Kanzel unserer Kirche, beide frühbarocke Werke von seltener Schönheit in Form und Farbe. Das Altarblatt zeigt eine Darstellung des Abendmahles nach Art niederländischer Maler. Der Künstler ist der deutsche Rembrandschüler Jürgen Ovens, damals geschätzter als Rembrand selbst. Die Assistenzfiguren, hl. Bischof Valentin und hl. Johann Nepomuk, sind ebenso wie die Kanzelfiguren Werke eines Fuldaer Meisters Ulrich. In den muschelgeschmückten Nischen am Kanzelkorb stehen die hl. Kirchenlehrer des Abendlandes Hieronymus, Augustinus, Gregor der Große, Ambrosius und der hl. Benedikt.

 

Propst und Nachfolger in Blankenau wird Bernard von Reinach (1699-1732). Er stattet die Kirche mit kostbaren Paramenten aus und stiftet den reichen Silberschatz, darunter 6 Altarleuchter mit Emaille-Wappen geziert, 3 kostbare Kelche, die festliche Monstranz, gute Arbeiten Augsburger Silberschmiede, jetzt im Propstei-Museum zu besichtigen. Um 1700 ließ er das Propstei-Schloß errichten nach Plänen des Franziskanerarchitekten Antonius Peyer (+ 1704 Kloster Frauenberg bei Fulda). 33 Jahre lang, bis zu seinem Tode am 20. März 1732, hat er am längsten von allen Pröpsten Blankenau verwaltet. Sein Epitaph, den eine spätere Zeit entfernt, halbiert und als Fußbodenbelag benutzt hatte, wurde wieder über seinem Grab aufgestellt (links des Hochaltares). Es erhält das Andenken an diesen großen Wohltäter mit Hinweis und Anspielung auf seinen Namen:

 
Gestorben, atmet Bernardus

den Wohlduft des Himmels,

Er, der in Wahrheit schon hier

nach der Narde benannt!

 
Propst Adalbert von Walderdorf (1734-1757) stiftete im Jahre 1744 die barocke Orgel, die auch sein Wappen trägt, ebenso die Ave- und Sterbeglocke unseres Geläutes. Die Innenausstattung des Propsteischlosses, besonders die einheitlich geschnitzten Türen und Fensterbekleidungen, gehen auf ihn zurück. Unter den Pröpsten Philipp und Josef von Hettersdorf erhielt die Kirche Stuck und Ausmalung. Die Fresken der vier Evangelisten in den Zwickeln der Vierung und die kleinen Fresken an den Decken der Querarme, St. Bonifatius und St. Benediktus, sind von unbekanntem Künstler. Das Wappen der Hettersdorf schmückt den Chorbogen, die Beichtstühle, die Bilder der von ihnen gestifteten Seitenaltäre. Dies sind gute Arbeiten des Fuldaer Hofmalers Johann Andreas Herrlein (1723-1796), die Mariä Verkündigung und die Krankenheilung durch den Hl. Bischof Valentinus zeigen. Josef von Hettersdorf (1776-1802) mußte die Aufhebung der Propstei durch Napoleon erleben. Blankenau kam mit dem ganzen Gebiet der Fürstabtei Fulda zunächst an den Prinzen von Oranien, wechselte in der Folgezeit häufig die politische Zugehörigkeit, um zuletzt Staatsdomäne des preußischen Staates zu werden. Gott Dank, blieb aber die Kirche der Gemeinde als Pfarrkirche überlassen. Nach der Ablösung der Domäne im Jahre 1906 kaufte der Bischöfliche Stuhl in Fulda auch das Propsteigebäude zurück, das seitdem als Wohnung für den jeweiligen Pfarrer dient. Im Jahre 1960-1961 führte das Bischöfliche Bauamt Fulda in Verbindung mit dem Hessischen Amt für Denkmalspflege eine gründliche Renovierung des Gotteshauses durch.

 

(Abdruck aus: Blankenau: Kloster-Propstei-Pfarrkirche, Ottobeuren 1971, mit zahlreichen Abbildungen)